WAGAS EMN Symposium – 27.02.2013


Hier steht Ihnen das Programm als PDF zur Verfügung.

Das erste WAGAS EMN Symposium wurde am 27.02.2013 in Bamberg abgehalten. Über 40 Teilnehmer folgten mit großem Interesse dem zweigeteiltem Programm. Zu Beginn wurde des Sophital Musterhaus besichtigt, welches einen Eindruck von vielen innovativen, integrierten Technologien vermittelte. Nach einer Mittagspause wurden an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Bamberg mehrere aktuelle Vorträge präsentiert, die mit dem Publikums angeregt diskutiert wurden.

Kommentar von Prof. Dr. Oliver Schöffski

Ich hab heute viel Neues gehört und gesehen. Die Technik für AAL-Anwendungen ist offensichtlich vorhanden, sodass wir nicht zwingend Neuentwicklungen benötigen. Am Beispiel des Musterhauses haben wir Technologien und Systeme präsentiert bekommen, die auch bereits funktions- und alltagstauglich sind. Unklar bleibt allerdings die Finanzierung einerseits, wer bezahlt am Ende solche Assistenzsysteme. Andererseits scheint die Akzeptanz in der Bevölkerung noch nicht das Niveau erreicht zu haben, das wir uns wünschen, um einen Markt für solche Technologien entstehen zu lassen.

Meine Schlussfolgerung für den heutigen Tag:

  • Die Technik muss möglichst modular aufgebaut sein.
  • Die Technik muss mit den wandelnden Bedürfnissen der betreffenden Personen mitwachsen.
  • Eine größtmögliche Kompatibilität zwischen den einzelnen Anwendungen muss gegeben sein, um einen reibungslosen Einsatz der AAL-Anwendungen gewährleisten zu können.
  • Die Anwendungen müssen Benutzerfreundlich sein, damit auch Lieschen Müller in Gefahrensituationen weiß, wie AAL-Anwendungen Hilfestellung leisten können.
  • Die Geräte müssen „sexy“ sein, da sich die Nutzer solcher Anwendungen nicht zu „alten Eisen“ ab degradieren lasse wollen, sondern durch die Nutzung technisch „up-to-date“ sein wollen.
  • Teil I: Besichtigung Sophital-Musterhaus

    Die wohnungsnahe Sensorik und ein internetfähiges Fernsehgerät von Loewe assistieren bei der Gesundheitsvorsorge, bieten Kommunikationsmöglichkeiten, erhöhen den Wohnkomfort und die persönliche Sicherheit, beispielsweise mit Hilfe des intelligenten Notrufsystems oder der Energie- bzw. Wasserverbrauchskontrolle. Die Blutdruck-, Puls-, Gewichts- oder Aktivitäts-Messungen können bequem am großen Fernsehgerät vom Betroffenen selbst, ebenso wie auf Wunsch von Angehörigen bzw. dem Pflegepersonal, beispielsweise per Smartphone, ausgelesen werden. Die Einrichtung umfasst ein geräumiges Badezimmer, je nach Wunsch zwei bis drei (Schlaf-)Zimmer, ein Wohnzimmer, das in die Küche übergeht. Letztere bietet weitere technische Innovationen, wie etwa fernsteuerbarere Abschaltung von Herd und Backofen. Im gesamten Haus ist zusätzlich eine automatische Regulierung der Temperatur und Luftfeuchtigkeit möglich. Darüber hinaus können Haus- und Terrassentüre ferngesteuert geschlossen werden. Alles in allem umfasst das Musterhaus „Morpheus“ viele technische Funktionen, die in der heutigen Zeit zwar vorhanden, aber dennoch nicht alle gleichzeitig erschwinglich sind.


    Anton Zahneisen präsentiert das Musterhaus

    Teil II: Vorträge und Diskussion


    Welche Einsatzmöglichkeiten von Technik könnte es im Pflegealltag geben, und welche Nutzen wären daraus zu gewinnen?

    Herr Becker beschreibt in seinem Vortrag seine praktischen Erfahrungen im Bereich der Pflege. Durch den gesellschaftlichen bzw. demographischen Wandel steigt die Anzahl der Pflegebedürftigen in den nächsten 20 Jahren von derzeit ca. 2 auf 3,6 Millionen an. Der nachhaltige Wunsch der älteren Menschen möglichst lange im eigenen Haushalt leben zu können steigt demnach stetig weiter an. Außerdem steht für Herrn Beucker „die Würde des Menschen“ im Mittelpunkt. Darüber hinaus könnte die Lebensqualität der älteren Menschen, beispielsweise mittels technischer Hilfsmittel länger in den gewohnten vier Wänden zu verbleiben und nicht in ein Pflegeheim zu müssen bzw. den Angehörigen zur Last zu fallen, erhöht werden.

    Die Patientenversorgung betrachtete Herr Beucker in seinem Vortrag als eine Dienstleistungskette, die durch anspruchsvolle interaktive Arbeit unter schwierigsten Bedingungen gekennzeichnet ist, da sie mehrere Spannungsfelder birgt. Letztere stellen beispielsweise die konkurrierenden Ziele der Laien, Betroffenen selbst und Multiprofessionellen oder auch die Freiheit der Patienten vs. die unabhängige Selbstbestimmung dar.

    Über die Eigenschaft der Prototypen von elektronischen Hilfsmittelen konnte sich Beucker im Rahmen seiner täglichen Arbeit Erfahrungen sammeln. Er macht klar, dass eindeutige, gut erkennbare und vor allem große Symbole notwendig sind, damit die Anwender die Hilfsmittel auch benutzen können. Die Stoßfestigkeit und stabile Halterung sind für ihn nicht minder wichtig, ebenso wie ein Spritzwasserschutz. Er unterstreicht, dass der Einsatz solcher Hilfsmittel nie den menschlichen Kontakt ersetzen wird. Die Pflegearbeit könnte jedoch erleichtert und somit zu mehr Sicherheit für Betroffene und Behandelnde führen.

    Das sogenannte elektronische Case Management steht derzeit noch vor einigen Hürden, in den Augen von Herrn Beucker stellt es aber ein sinnvolles System der vernetzten Gesundheitsversorgung aus einer Hand dar. Ziele sind unter anderem die Betreuung und Versorgung aller Versicherten, die einen multiprofessionellen Versorgungsbedarf haben oder auch die Verbesserung bzw. der Erhaltung von Lebensqualität Betroffener. Diese elektronischen Hilfsmittel sind sowohl für den häuslichen, als auch stationären Bereich geeignet.


    Referent: Günter Beucker
    Evangelischen Gemeindeverein Nürnberg-Mögeldorf e.V.


    Integration von AAL-Lösungen am Beispiel des Sophital-Musterhauses

    Herr Zahneisen referiert zu dem am Vormittag besichtigten Sophital-Musterhause, das er selbst bewohnt. In Rahmen des Vortrag ging er nicht nur auf die möglichen Technologien ein, sondern unter anderem auch auf die aktuelle Situation und Herausforderungen, die von Sophital zu bewältigen sind: Der lokale Bedarf kleinräumiger Versorgungseinheiten erreicht derzeit nicht die betriebswirtschaftlich effiziente Bettenanzahl. Außerdem zieht es die Pflegekräfte eher in die Großstädte und daher herrscht vor allem im ländlichen Raum ein regelrechter (Pflege-) Mangel. Neben strukturellen Fragen ist zur Verbreitung solcher Wohnhäuser ist die Finanzierung ein Wagnis, welche innovative Lösungsansätze erfordert.

    Die mögliche Lösung, die Herr Zahneisen mittels Sophital beschrieb, sind beispielsweise kleine, ebenerdige Wohneinheiten anstellte großer Wohnkomplexe. So entlasten modernste Assistenztechnologien, die individuell anpassbar sind, Angehörige und Pflegekräfte und bietet vor allem mehr Sicherheit für die Bewohner selbst. Darüber hinaus könnten vorhanden Freiflächen optimal genutzt, dem entsprechenden Gelände angepasst und somit die ambulante Versorgung sichergestellt werden. Das wichtigste stellt die Mobilität der Wohneinheit dar, die nach dem Aufbau jederzeit wieder abgebaut und an einen anderen Ort gebracht werden kann. Durch dieses hohe Maß an Flexibilität sind Finanzierungsmöglichkeiten Richtung Leasing denkbar.


    Referent: Anton Zahneisen
    Sophia Living Network GmbH


    Transfer der AAL-Erfahrungen in therapeutische Fortbildung

    Herr Hilke stellte die Firma EvoCare vor, die seit 10 Jahren telemedizinische Produkte herstellt und Anwendertests in Italien (beispielsweise Bozen) durchführt. Nach eigener Aussage, fallen die Testgruppen jedoch eher gering aus und sind daher weniger repräsentativ. Mit Hilfe des Projekts „sicheres Wohnen – aktiv, sorglos, unabhängig“ verbesserten sich bei ca. 80% der 30 Teilnehmer sowohl motorische, als auch kognitive Fähigkeiten. Mehr als die Hälfte der Nutzer (62,5%) gaben eine Zustandsverbesserung an. Alles in allem waren sie mit der Einrichtung von Themenwochen mit Gruppenabenden, Sport oder andere Bewegungsaktionen sehr zufrieden. Auf positive Resonanz stießen darüber hinaus Vorträge zu Diabetes, Demenz oder auch Ernährung im Alter. Beispiele für die Gestaltung der Sicherheit zu Hause stellen die Fernüberwachung des CO2-Gehalts, der Temperatur, dem Wasserverbrauch oder auch die Aufenthaltsortung dar.

    Nicht nur der demographische Wandel, sondern auch die Abwanderungen von Familienangehörigen stellen vorrangig in ländlichen Gebieten ein ernstzunehmendes Problem dar. Die geringe Mobilität der 1-Personen-Haushalte prägen zusätzlich eingeschränkte finanziellen Mittel bzw. die Altersarmut. Laut Hilke könnte die Kombination aus sozialen Diensten zur Gesundheitserhaltung und moderner Technik zum Erfolg beitragen. Die Organisation bzw. Durchführung der Leistung erfolgt individuell je nach Anforderungen und mit der Unterstützung von lokalen Partnern. Das Sozialsystem wird nicht finanziell belastet, denn die neue, kommunale Solidargemeinschaft könnte die Kosten übernehmen. Die Aufwendungen für Pflegefälle in Höhe von 22 Milliarden Euro wie auch die Kosten bei Erwerbsunfähigkeit i.H.v. 61 Milliarden Euro könnten zumindest teilweise zu Einsparungen (Schätzung: i.H.v. 2 Milliarden Euro) führen.

    AAL-Systeme sollen nicht nur aus der Installation technischer Assistenzsysteme bestehen. Die Zukunft liegt darin den Lebensraum (ambient) der Betroffenen so zu gestalten, dass dieser in allen Lebenslagen unterstützt (assisted) und somit ein langes bzw. selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden (living) ermöglicht.


    Referent: Sebastian Hilke
    EvoCare GmbH


    Nutzen und Zahlungsbereitschaft für AAL-Lösungen aus Sicht der Nachfrager

    Frau Macco beschrieb die Herausforderungen und Ergebnisse einer Untersuchung beim Nutzer (Enduser) und den Pflegenden (Caregiver). Die Messung der Zahlungsbereitschaft gerade bei älteren Menschen sollte idealerweise mittels strukturierter Einzelinterviews erfolgen. Da es sich um Produktinnovationen handelt, musste eine „nicht-Kauf-Option“ ermittelt werden. Die Befragung erfolgt postalisch im Zeitraum von März bis Juni 2012 und rekrutierte Teilnehmer über verschiedene Kanäle, wie beispielsweise mit Hilfe von ambulanten Pflegediensten, Hausnotrufteilnehmer oder auch Angehörigenberatung. Ein monatliches Budget i.H.v. 100 Euro, wobei nur 5-Euro-Schritte möglich waren, sollten die Befragten auf die Funktionen Geofencing, Aktivität, Sturz und Outdoor verteilen. Außerdem stand ihnen ein zusätzlicher fünfter Bereich „Sparen“ zur Verfügung. Das Geofencing ermöglicht den Caregivern die Mobilität der Nutzer mittels beispielsweise GPS zu lokalisieren. Die Funktion Aktivität zeichnet mittels Monotoring die Körperfunktionen auf, wie etwa Blut-druck- bzw. Pulsmessung, etc. Außerdem besteht die Möglichkeit bei einem Sturz des Benut-zers mittels Sensor automatisch den Pflegenden zu kontaktieren, beispielsweise mit einer spe-ziellen Uhr. Nicht zuletzt kann der Enduser, sowohl im Indoor als auch Outdoor, beispielsweise mit einem Chip im Schuh, geortet werden.

    Die Ergebnisse der Befragung stellte die Zahlungsbereitschaft der Benutzer (im Durchschnittsalter 80 Jahre) mit durchschnittlich 51 Euro dar. Diese ist somit geringer, als die der Pflegenden (im Durchschnittsalter 56 Jahre), die im Schnitt bereit waren 57 Euro zu investieren. Außerdem zeigen die Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen höhere Nutzenerwartungen. Ebenso wie die Hausnotrufbesitzer, wobei diese keine höhere Zahlungsbereitschaft aufweisen. Sozialdemographische Faktoren, Einkommen oder auch der Unterstützungsbedarf spielten keine Rolle bei der Zahlungsbereitschaft der Enduser. Die Caregiver wiederum verhalten sich je nach dem wie eng die Beziehung zwischen Gepflegtem und Pflegendem ist, mit höherem Sicherheitsempfinden und Zahlungsbereitschaft. Lebt der Gepflegt alleine, wird beispielsweise eine geringere Nutzenerwartung der Geofencing-Funktion erwartet. Als ein kritisches Merkmal der Untersuchung sieht Frau Macco die hypothetische Befragungssituation und das zusätzliche Budget i.H.v. 100 Euro, da es zu Überschätzungen bezüglich der Zahlungsbereitschaft der Befragten kommen könnte. Außerdem bleibt unklar, ob die Angehörigen vom eigenen oder dem Budget des Gepflegten ausgegangen sind.


    Referentin: Katrin Macco
    International DiaLog College and Research Institute – IDC